Corona – Eine Chance (nicht nur) für Frauen

Ein Kommentar von Anna-Lena Murzin, Soziologin und Gründungs- und Innovationsbegleiterin.

 

Die aktuell gravierende Situation beschränkt unsere persönliche Aktivität und Freiheit enorm, aber ich sehe auch eine große Chance in ihr. Gerade für uns Frauen!

Als alleinerziehende Mutter und Gründungs- und Innovationsbegleiterin bei Gründerschiff, war es in der Vergangenheit oft schwierig bis unmöglich an den vielen Ganztagesworkshops, Veranstaltungen und Meetings, besonders in den Abendstunden, teilzunehmen. Größter Pain: die nicht ausreichende Kinderbetreuung. Für mich, als Mensch für den das Familienleben aber auch die Karriere wichtig ist, oft eine Zerreisprobe.

Jetzt, in Zeiten von Kontaktverbot, geht plötzlich alles Online. Unternehmen, Kommunen und Privatpersonen stellen sich um und bleiben trotzdem in Kontakt –sie verändern sich.  Themen, die bis zuletzt unter dem vielgepriesenen Zauberwort New Work zumeist auf Personal- und Recruitingmessen gehandelt, aber in der Praxis doch überwiegend belächelt wurden, werden schlagartig zum Pflichtprogramm für Organisationen, die arbeits- bzw. handlungsfähig bleiben wollen: Für mich eine disruptive Veränderung.


Schöne neue Arbeitswelt

Veranstaltungen, Meetings, Workshops, werden vom persönlichen Erscheinen auf Online umgestellt und bieten somit die Chance für mich als Mutter und Arbeitnehmerin daran teilzuhaben. So kann ich Familie und Beruf viel besser unter einen Hut bekommen und an Veranstaltungen mitwirken, welche mir vorher nicht möglich gewesen wären. Nicht nur mein Arbeitgeber freut sich darüber, dass ich dadurch mehr arbeiten kann. Ich selbst habe das Gefühl mich viel mehr engagieren zu können, ein Teil des großen Ganzen zu sein und nicht mehr durch meine familiäre Situation außen vor gelassen zu werden.

Die digitale Vernetzung ist also eine Chance, nicht nur für uns Frauen, sondern für jeden, dessen Ressource Zeit ein knappes Gut ist. Fahrzeiten entfallen, Zeiten für Meetings können flexibel und nach der individuellen Situation angepasst werden. Parallel kann ich mich um meine Familie kümmern und Zeit für die Kids haben. Im Moment eine perfekte Situation, nicht nur für mich.

Meine Motivation steigt von Tag zu Tag, denn ich habe nun die benötigte Freiheit Termine wahrzunehmen und zu arbeiten, wann ich es in meinem Alltag mit den Kindern unter bekomme, meine Bindung zu meinem Arbeitgeber wächst und mein Stresspegel ist gesunken. So muss ich nicht erstmal, die Kinder an unterschiedlichen Stellen wie Krippe, Kindergarten und Schule abliefern und dann zur Arbeit hetzen, sondern kann die gewonnene Zeit voll und ganz mit den Kindern, beim Basteln, Buch lesen, im Wald spazieren oder sonst wie genießen, oder sie als „Überstunden“ meinem Unternehmen widmen.


3 Gründe, warum ich Corona als Chance sehe

Ich habe große Hoffnung, dass die Situation in den Unternehmen und anderen Organisationen auch nach Corona so positiv für ArbeitnehmerInnen bleibt. Dies sehe ich als große Chance für uns Frauen. Es folgen drei Gründe, weshalb ich diese Situation und New Work als förderlich für die Gleichstellung von Mann und Frau empfinde:

Erstens: die Transformation der Arbeitszeit. Die persönlichen Anwesenheitszeiten sind geringer, Fahrzeiten entfallen, somit kann ich aus meinem 80 % Teilzeitjob einen Vollzeitjob machen (die Wahrscheinlichkeit, dass ich später an Altersarmut leide, sinkt dadurch?).

Zweitens: neue, ausgeglichenere Karriereperspektiven. Da Führungsverantwortung zum großen Teil noch bei 100% Kräften liegt, könnten somit meine Karrierechancen im Unternehmen steigen. Es gibt weniger Gründe für Arbeitgeber, Frauen die Führungsrolle nicht zu geben, wenn es Normalität geworden ist Arbeitszeiten aus dem Homeoffice abzuleisten.

Und last but not least: Die Flexibilität und das eigenverantwortliche Online-Arbeiten kann bei den Mitarbeitenden zur Erhöhung der intrinsischen Motivation beitragen, sofern die Rahmenbedingungen erfüllt sind. Dies wiederum führt auch zu positiven Effekten im Unternehmen: Die Mitarbeiterbindung wird dadurch gestärkt und unternehmerisches Denken und Handeln gefördert.

Corona ermöglicht also auch Chancen: für die Wirtschaft und die Gesellschaft, für uns Frauen, für Unternehmen und für alle, die es schaffen mit der Zeit zu gehen und über Ihren Tellerrand hinauszuschauen.